Burgen und Türme Die Epoche zwischen 1000 und 1300 ist die hohe Zeit der Adelsburgen, die Zentren kleiner Herrschaftsgebiete und Güterverbände waren. Im Zuge des spätmittelalterlichen Burgensterbens  überliess man die meisten Anlagen dem Zerfall, einige wurden später zu Schlössern umgewandelt.

Die ältesten im aufgehenden Mauerwerk erhalten Zeugen profaner Baukultur in Graubünden gehören der Wehrarchitektur an. Mit dem um 957 erbauten Plantaturm des Klosters Müstair besitzt unsere Region den frühsten bekannten verteidigungsfähigen Wohnsitz der Schweiz. Prominenter aber sind die zahlreichen Burgen, die - mit sicherem Instinkt für die Ortswahl oft auf Hügelkuppen, Bergvorsprünge und Felsköpfe abseits der dörflichen Siedlungen gesetzt und von weither sichtbar - die Bündner Landschaft auch in ihrem heutigen, ruinösen Zustand entscheidend prägen. Als Mittelpunkte herrschaftlicher Güterkomplexe widerspiegeln sie in ihrer Vielzahl die schwierigen Machtverhältnisse im feudalisierten Rätien.

Der Beginn des Bündner Burgenbaus wird ins 11. Jahrhundert angesetzt, seine Hochblüte erlebte er im 12./13. Jahrhundert. Zahlreiche Burgen wurden direkt von den landesherrlichen Machthabern errichtet, namentlich vom Churer Bischof, dem mächtigsten Grund- und Lehensherrn, aber auch von jenen hochadeligen Geschlechtern, die sich vom Bischof zu emanzipieren und eigene, weltliche Landesherrschaften zu etablieren vermocht hatten (Freiherren von Vaz, Rhäzüns, Sax-Misox, Matsch u. a.).

Daneben liessen auch Herren ritterlichen Rangs Burgen bauen, sei es als Vasallen und Dienstleute der Landesherren oder in eigener Regie, zur Markierung ihrer oft bescheidenen Grundherrschaften. Viele Burgen entstanden auf Rodland im Zuge der hochmittelalterlichen Binnenkolonisation zuvor nicht oder kaum besiedelter Gebiete. Der Grossteil des rätischen Burgenbestandes gehört zur Kategorie der mehr auf symbolisch-repräsentativer, denn auf militärischer Ebene wirksamen Kleinburgen, bestehend aus einem turmartigen Hauptbau, umgeben von Wirtschaftsgebäuden und einer wehrhaften Ringmauer.

Umfassendere Anlagen wie etwa die Burg Belfort im Albulatal, die um ihren ummauerten Innenhof Hauptturm, Torturm, Palas und Nebenbauten gruppiert, bilden eher die Ausnahme und sind als landesherrliche Residenzen anzusprechen. Manche Anlagen fallen durch ihre grosse, aber kaum überbaute Innenfläche auf, die von einem Sakralbau beherrscht wird. Bei diesen ins Frühmittelalter zurückreichenden und nach der Jahrtausendwende feudalisierten Kirchenkastellen ist unklar, ob sie als Fluchtburg oder als dauernd besiedeltes administratives Zentrum zu deuten sind.

Die im Spätmittelalter grossmehrheitlich aufgelassenen Burgen sollten sich unter der frühneuzeitlichen Führungsschicht, die sich selbst komfortablere Wohnsitze innerhalb der Dörfer baute, als repräsentative Statussymbole neuer Beliebtheit erfreuen und von den neuen Machthabern vereinzelt zu Schlössern (ohne Herrschaftsfunktionen) ausgebaut werden. Umgenutzt oder in neuere Häuser integriert wurden damals auch die gemauerten Wohntürme, die sich die dörflichen Oberschichten - in deutlicher formaler Abgrenzung zu den sie umgebenden, weitgehend hölzernen bäuerlichen Höfe - seit dem 13. Jahrhundert hatten bauen lassen. (Ludmila Seifert-Uherkovich)

Lit.: CLAVADETSCHER OTTO P., MEYER WERNER: Das Burgenbuch von Graubünden, Zürich und Schwäbisch Hall 1984.
MEYER WERNER: Das Hochmittelalter (10. bis Mitte 14. Jahrhundert) , in: Handbuch der Bündner Geschichte, Bd. 1 (Frühzeit und Mittelalter), hrsg. vom Verein für Bündner Kulturforschung, Chur 2000, S. 138-193.