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Ein Heldenlied

Da, wo der junge Rhein erzürnt und wild
Der finstern Viamalaschlucht entschiesset
Und abwärts durchs Domleschger Talgefild
In tausend Wirbeln seine Wasser giesset;

Im Schloss, das weithin in die Schlucht hinein
Den Weg nach Welschland räuberisch kann belauern,
Der letzte Zwingherr Bündens steht allein,
Geharnischt auf der Zinne seiner Mauern.

Der Bauernaufruhr schwoll zum Schloss empor,
Im Blute liegen, die es sollten schirmen,
Empörung klopft mit starker Faust ans Tor
Und rüttelt an den Mauern, an den Türmen.

Des Ritters Aug' von Berg zu Berge schweift,
Ob irgendwo noch Rettung zu erpochen;
Doch alle Burgen ringsum sind geschleift
Und alle Warten, alle Türm' gebrochen!

Mit hohlen Augen, wie aus off'nem Grab,
Grinst ihn der Tod an aus des Tales Schlunde,
Gebrochen ist des Adels Herrscherstab -
Er fühlt es tief und spricht mit stolzem Munde:

«Zum mächt'gen Riesen wuchs heran der Zwerg,
Die Ritter können ihn nicht mehr besiegen,
Die Landesherrlichkeit ist von dem Berg
Hinab zum Bauern in das Tal gestiegen.

Der Letzte bin ich und zum Tod bereit;
Allein der Feind soll meinen Leib nicht haben,
Mit ihm will ich die alte Ritterzelt,
Hinunterspringend in den Rhein, begraben!»

So sprechend, stürzt im Harnisch er beherzt
Hinunter in die Tiefe vom Castelle,
Und über seinen Leichnam spielt und scherzt
Aufschäumend im Triumpf des Stromes Welle.

Aus: Fiedrich Nessler (1806 - 1878)


Die Sage vom Hohen Rätier

"Der letzte Ritter, hier ein armer Plaggeist des Landvolks und von diesem endlich in seiner Burg belagert, verband in der Bedrängnis seinem schwarzen Ross die Augen, bestieg und spornte es in den Abgrund. Man sagt, ein Wesen, bald Katze, bald weiss gewandete Jungfrau, bewache hier Schätze, und wer diese heben wolle, müsse dem Wächter ein Schnupftuch zuwerfen"

Nina Camenisch (1826 - 1912) Sagensammlerin in Sarn am Heinzenberg


Der Sprung vom hohen Fels

Legende vom Ritter Cuno, dem letzten Hohen Rätier

Der letzte Burgherr von Hoch Rialt war der Sage nach Cuno, ein ehemaliger Kreuzritter, der hier mit einer Handvoll Bediensteter zurückgezogen lebte.


Ernst Stückelberger
Der letzte Ritter von Hohen Rätien stürzt sich in den Abgrund der Via Mala, 1883,
Öl auf Leinwand, 116 x 175 cm, Bündner Kunstmuseum, Chur, Inv. N. 10/69


Im Tale war der alte Ritter wegen seines unbeherrschten Temperaments als Tyrann gefürchtet und gehasst. Als er eines Tages eine hübsche Jungfrau vor den Augen ihrer Eltern wegraubte und sie auf seinen hohen Sitz verschleppte, kochte der Volkszorn über. Die Bauern rotteten sich zusammen und stürmten die Burg, um die Geraubte zu befreien: Als sie das Burgtor aufbrachen, erwartete sie Ritter Cuno im Burghof hoch zu Pferd, das verängstigte Mädchen vor sich im Sattel haltend. Im Handgemenge gelang es den Bauern, die Entführte zu befreien, doch bevor sie den Ritter überwältigen konnten, stiess dieser seinem Pferd die Sporen in die Flanken und setzt mit einem gewaltigen Sprung über die Felsplatte hinaus, wo Ross und Reiter im Abgrund verschwanden.


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