Panorama der Burganlage Hohen Rätien Panorama der Burganlage Hohen Rätien Panorama der Burganlage Hohen Rätien

 

Mithras - Der Gott einer antiken "Weltreligion"


 


Im Mythos wird der Gott Mithras in einer Höhle verehrt, in der er den Urstier tötet und dadurch die tote Welt zu neuem Leben erweckt. Dieser Höhle nachempfunden waren die unterirdischen, langgestreckten Mithräen. Auf gemauerten Bänken saßen die Gläubigen entlang beider Längswände. Der Raum war dunkel - allein das Steinrelief auf dem Altar leuchtete geheimnisvoll. Dargestellt war das zentrale Glaubensmotiv: Mithras opfert den Urstier und erweckt damit die verdorrte Welt zu neuem Leben. Der Gott trägt die phrygische Mütze, aus dem Hodensack des Stieres hergestellt - die fruchtbaren Kräfte des Stieres gehen auf den Träger über.
(Vergleiche: Mythra = Kopfbedeckung der heutigen Bischöfe)

Wurzeln im Orient

Der Mithraskult war wie viele orientalische Religionen ein Mysterienkult, dessen Rituale nur Eingeweihte erleben durften. Sieben geheimnisvolle Grade mußte der Gläubige durchlaufen, um zur vollen Einsicht zu gelangen. Im Gegensatz zu anderen wichtigen Kultreligionen der Zeit - Isiskult, Dionysosmysterien, Kult der Großen Mutter Kybele - blieb die Mithrasreligion reine Männersache.

Zwischen dem ersten und dem vierten Jahrhundert während der Ausbreitung des Imperiums war Mithras vor allem beim Militär und in der römischen Verwaltung beliebt. Frauen waren im Kult nicht zugelassen und das Erleben der Mysterien teilweise mit männlich wirkenden Initiationsritualen verbunden, die nicht immer unblutig verliefen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich Mitrhäen aus dieser Zeit in der Nähe römischer Militärlager befinden. Und dass das Militär Mithras über halb Europa verbreitete. Mithräen finden sich ebenso im Westen und Süden Deutschlands, wie im Norden Englands bzw. im südlichen Schottland, in Spanien und Portugal, auf den Balkan und natürlich massenhaft in Italien.
Mit dem Zusammenbruch des Imperiums verschwand auch der Mithraskult weitgehend aus seinem Verbreitungsgebiet. Dort, wo sich Reste hielten, hatten die Anhänger mit dem aggressiv auftretenden Christentum zu kämpfen. Bis ins sechste Jahrhundert hinein wurden europaweit noch genutzte aber auch längst verlassene Mithräen von ChristInnen gewaltsam zerstört.







Mithraskult auf Hohen Rätien?

Auf den Spuren eines spätantiken Mysterienkultes

Mit exakt-wissenschaftlichen Methoden lässt sich über ein vor-christliches Heiligtums auf Hohen Rätien keine Aussage machen, denn so zahlreich die Hinweise auch sein mögen, sind sie doch zu wenig schlüssig, um als Beweise Stand halten zu können.

Trotzdem erlauben wir uns, die Hinweise hier aufzunehmen und diese höchst interessante Zeitperiode des Wettstreites zwischen den einflussreichen Glaubensrichtungen darzulegen und zu diskutieren.


Hinweis 1: Fehlende Merkmale einer frühchristlichen Kirche

"Die Sakralbauten (...von Hohen Rätien) scheinen einige Besonderheiten im Vergleich zu den bekannten frühchristlichen Kirchen aufzuweisen. Das Baptisterium (A) wurde einem älteren Bauwerk (B) angefügt, das im Grundriss eine Dreiteilung aufweist. Der mittlere Abschnitt weist einen Mörtelestrich auf, sodass man daran denken könnte, dass die beiden seitlichen Abschnitte ursprünglich von Liegebänken bedeckt waren, wie wir sie aus Heiligtümern des Gottes Mithras kennen. Die Tatsache, dass das Bauwerk B keinen sichtbaren Hinweis auf eine Klerusbank besitzt, ist auch in anderen frühen Kirchen der Schweiz zu beobachten."
Prof. Franz Glaser, Klagenfurt


Hinweis 2: Kontinuität

Aus vielen Grabungen von römischen Stellungen und Garnisonstätten (zB. dem alten Limes entlang bis Norddeutschland) hat man genaue Kenntnis über die Verbreitung von vor-christlichen Religonen. Die geografische Nähe einer Fundstelle von Zillis am Südrand der Viamala (6km Luftlinie), wo in den 1990er Jahren eine spätrömische Mithrashöhle nachgewiesen wurde, macht die Möglichkeit einer ebensolchen Tempelanlage auf Hohen Rätien denkbar.
(Bild: Weiheschale des Mithras, Fundstelle Zillis)
Allein schon die Tatsache, dass an topografisch ungünstiger Stelle am nord-östlichen Rand des Burgplateaus von Hohen Räten mit dem Bau eines Baptisteriums und mehreren, immer wieder erweiterten Kirchenbauten eine mehr als 900 Jahre lang anhaltende christliche Tradition Einzug hielt, mag als Hinweis dienen, dass eine starke religiöse (vor-christliche) Bindung an den Ort bereits vorhanden war.

Hinweis 3: Gebäudegrundriss

Das ursprüngliche spätrömische Gebäude (Phase blau) weist keine typischen Merkmale einer frühchristlichen Kirche auf. (s. oben) Trotzdem wird die Idee eines Mythräums von Wissenschaftern zurückgewiesen, mit der Begründung, dass diese typischerweise in Felshöhlen anzutreffen waren.
Auch wenn dies südlich der Alpen mehrheitlich zutrifft, ist nördlich der Alpen auch die oberidische Form eines Mithräums mit einer Holzdachkonstruktion verbreitet (s. Abbildung) und daher auch auf Hohen Rätien nicht vollends auszuschliessen.





Hinweis 4: Historische Gegebenheiten

Der Fund einer spätrömischen Münze (Prägedatum 348 n. Chr.) im Fundament des ältesten Gebäude weist auf eine Entstehungszeit Mitte des 4. Jh. hin, Zeit des Kaisers Julian (331 bis 363 n. Chr.) also, der die heidnischen Kulte erneuern wollte und der Verbreitung der alten Mithrasreligion Vorschub leistete.
Erst mit dem Verbot aller nicht-christlichen Reglionen - bei Todesstrafe! - durch Kaiser Theodosius im Jahr 391 n. Chr. wurde eine weitere Ausübung des Mithraskultes gerade für loyale Angehörige des Militärs und der römischen Verwaltung unmöglich. Es liegt daher nahe, dass man sich unter diesem Druck entschloss, fortan dem Christengott zu huldigen - ein Wechsel, der deshalb wohl leicht fiel, da das Christentum zahlreiche Merkmale des Mithraskultes übernommen hat: Göttliche Geburt am 25. Dezember, Tod und Auferstehung in den Frühlingswochen, Abendmal, Taufe etc.

Wenn man weiss um dem offenen Kampf zwischen dem weit verbreiteten Mithraskult und dem aufkommenden Christentum, welcher im 4. Jh. im Weströmischen Reich beinahe staatsbedrohliche Ausmasse annahm und schliesslich zum Verbot der alten Religion und zum Siegeszug des neuen Glaubens führte, so ist es faszinierend, auf Hohen Rätien möglicherweise Spuren dieser religionsgeschichtlichen Auseinandersetzung vor Augen zu haben.

Siehe: Mehr zu diesem Thema



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